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OSTWIND UKRAINE

Tetyana Hecker

Tetjana Hecker, 54 Jahre, Journalistin aus Sumy/Ukraine

Tetjana Hecker lebt seit 2012 in Deutschland. „Am 18. Februar 2022 habe ich Urlaub gehabt. Einen Tag später bin ich gemeinsam mit meinem Sohn in die Ukraine geflogen. Wir wollten ein paar Tage später mit meinen Eltern ihren 57. Hochzeitstag feiern. Und mein Sohn ist am 8. März 18 Jahre alt geworden. Zudem ist der 8. März der Weltfrauentag, in der Ukraine ist das ein Feiertag. Auch das beides wollten wir in der Ukraine zusammen feiern. Aber es kam alles ganz anders. Am 24. Februar kam dann der Krieg. Ab dann haben mein Sohn und ich zwei Wochen lang in einem Keller gesessen. In der Zeit habe ich unter anderem einen Text auf Russisch geschrieben. In dieser Zeit habe ich auch ein Tagebuch geführt. Oft haben mich in dieser Zeit Freunde aus Deutschland gefragt, wo ich bin oder wie es mir geht. Aber ich konnte ja nicht immer antworten – weil ich keine Lust hatte, es keine Internetverbindung gab oder gerade Luftschutzalarm war. Und dann habe ich als Lebenssignal jeden Tag ein paar Sätze in meinen Status geschrieben. Dann wussten die Menschen, dass ich lebe. “

Am 8. März hätten sie noch in dem Luftschutzkeller den 18. Geburtstag ihres Sohnes gefeiert. Am nächsten Tag habe er sie mit seinem Handy durch die Ukraine in Richtung Deutschland gelotst. „Es gibt eine App, die anzeigt, wenn für eine Stadt Luftalarm ausgelöst wurde. Dadurch konnten wir Regionen, die beschossen wurden umfahren.“

„Gemeinsam mit sechs anderen Menschen wollten wir am 9. März raus aus der Ukraine. Wir waren etwa 20 Kilometer von der russisch/ukrainischen Grenze entfernt und hatten Glück, dass die Passage in die Ukraine an dem Tag offen war. Wir saßen zu acht in einem kleinen Auto, im Pyjama, ohne Jacken – und das bei -14° Celsius. Am Ende sind wir zu acht 3700 Kilometer in einem kleinen Auto unterwegs gewesen. Am Ende der Fahrt kamen wir alle nach Saarburg.“ Tetjana hat sich dann mit den Menschen um viele Dinge gekümmert, ist unter anderem mit ihnen auf das Sozialamt gegangen, hat Wohnungen gesucht und sich darum gekümmert, dass ihre Begleiter eine Arbeit haben. „Wir haben bei uns zuhause bis Juni auch ein 15-jähriges Mädchen aus Charkiv aufgenommen. Die Wohnung, in der die Familie lebte, ist zerstört, ihr Vater beim Militär und ihre Mutter ist Sonderpolizistin. Ich habe sie in Lwiv getroffen. Sie weinte, weil sie so alleine war. Also habe ich sie zu uns nach Hause eingeladen. Nach drei Monaten ist sie in die Ukraine zurückgekehrt.“

Am 24. Februar wurde erstmals Sumy angegriffen. In ihr ist Tetjana Hecker aufgewachsen. „Für mich ist die Situation sehr schwer. Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde – alle sind noch in der Ukraine. Jeden Morgen, jeden Abend checke ich über entsprechende Internetseiten, wie die Lage in der Ukraine ist.“

Es sei kompliziert. So sei etwa ihr Sohn Deutscher. Aber auch er habe auf der Flucht keine Hilfe des deutschen Staats bekommen. Dabei habe er während der 14 Tage, die sie in Sumy im Luftschutzkeller verbracht haben, vieles erlebt. „Andere, die schon direkt nach Ausbruch der Kämpfe geflohen sind, haben diese Erlebnisse nicht gehabt.“

„Ich bin in Sumy aufgewachsen. Die Ukrainer glauben, dass das eine kleine Stadt sei. Dabei leben dort 270.000 Menschen. Als ich meinen Deutschkurs in Saarburg vor zehn Jahren hatte, wurde ich mit großen Augen angeschaut, als ich sagte, dass Sumy eine ‚kleine‘ Stadt sei. Nach meinem Abitur, wollte ich zunächst Lehrerin werden. Aber mein Leben verlief dann anders. Ich habe an der Uni in Kiyiv Journalistik studiert. Nach dem Studium habe ich für einen regionalen Rundfunk- und Fernsehsender gearbeitet. Ich habe beispielsweise Interviews mit dem ehemaligen kubanischen Regierungschef Fidel Castro (1926/27-2016), mit dem früheren ukrainischen Präsidenten Leonid Krawtschuk (1934-1922) und Dmitri Medwedew (russischer Präsident 2008-2012 und anschließend russischer Ministerpräsident bis 2020) geführt.“

„Nach Deutschland bin ich gekommen, weil ich einen deutschen Mann geheiratet habe. Die ersten drei Jahre in unserer Ehe durfte ich aber nicht nach Deutschland einreisen. Wir haben als getrennt gelebt, er in Deutschland, ich in der Ukraine. Als ich endlich nach Deutschland kommen durfte, konnte ich ja nichts anderes außer schreiben, vor der Kamera stehen und Fotos machen. Die ersten drei Wochen hier haben sich wie Urlaub angefühlt. Aber als Journalist ist man immer in Bewegung, man arbeitet andauernd, hat an den Wochenenden selten frei. Obwohl ich schon im Mai in Deutschland war, startete mein Deutschkurs erst im November. Hier hatte ich keine Familie, keine Freunde. Ich fühlte mich wie ein im Käfig eingesperrter Vogel. Ich wollte schon alles mögliche arbeiten. Aber mein Mann hat immer gesagt: ‚Nein, du brauchst eine richtige Arbeit‘. Dann habe ich eine Annonce gelesen, dass eine Zeitung in Koblenz eine russische Journalistin sucht. Da hat mein neues Leben begonnen und ich war sehr glücklich.“

Manchmal hat Tetjana Sehnsucht, will wieder nach Sumy. „Mein Herz schlägt für diese Stadt, auch wenn sie nicht so eine lange Geschichte wie Trier hat. Die Stadt ist nur 365 Jahre alt. Es gibt diese Legende, dass in Sumy die Frauen besonders hübsch sind. Naja, ich weiß nicht, ob das stimmt. Das müssen die Männer entscheiden. Es gibt einige Kulturdenkmäler, zwei Theater und Brunnen in der Stadt. Es ist sehr grün in der Stadt. Es ist meine Heimat, ich habe dort meine Wurzeln, weil meine Familie dort noch lebt.“

Tetjana findet Saarburg sehr schön, auch wenn die Stadt sehr klein ist. „Für mich ist die Stadt eher ein Dorf, aber ich bin hier lieber als in Trier. Ich mag den Wasserfall und die kleinen Straßen in der Stadt.“ Als Journalistin sei sie viel unterwegs. „Mein Lieblingsstadt in Deutschland ist Berlin. Das gefällt mir sehr, sehr, sehr. Ich verstehe die Stadt einfach. Vielleicht habe ich ja in einem früheren Leben mal in Berlin gelebt (Anmerkung: Lachen). Auch Koblenz gefällt mir wegen der dort versprühten Energie sehr gut. Wenn ich in der Stadt diese Energie aufnehme, will ich anschließend weiterfliegen. Am Deutschen Eck, wo die Mosel im Rhein mündet, da geht mein Herz auf.“

Sie liebt ihren Nebenjob in der Kulturgießerei in Saarburg, wo sie in der Kinderbetreuung arbeitet. „Damit ist einer meiner Kindheitsträume in Erfüllung gegangen: Ich wollte immer auch gerne Lehrerin sein.“ Es gebe einen großen Unterschied zwischen ukrainischen und deutschen Kindern: „Ukrainische Kinder kennen das Wort ‚Nein‘. Deutsche Kinder ignorieren das. Sie kennen ihre Rechte. Aber es ist toll, wenn man auf dem Spielplatz beobachtet, wie ukrainische und deutsche Kinder miteinander spielen, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Sie schaukeln zusammen, sie laufen zusammen. Sie brauchen die Sprache nicht. Die Kommunikation funktioniert mit Augen, mit Bewegung. Und trotzdem verstehen sich alle, egal welche Farbe die Haut, die Haare hat. Auch wenn die Kinder miteinander sprechen: Ein Kind fragt etwas auf Ukrainisch, ein anderes antwortet auf Deutsch – aber am Ende passt das Puzzle zusammen. Wow! Und auch die Eltern sehen, dass zwischen den Kindern keine Mauer steht.“

Auf die Frage, was Deutsche von Ukrainern lernen können, antwortet Tetjana: „In Deutschland gibt es Ordnung, alles ist geregelt. Für Menschen aus Osteuropa ist das sehr schwer. Wir weichen von einer geraden Linie auch mal ab, machen mal einen Schritt nach rechts oder links. Wer immer nur geradeaus geht, kommt aber vielleicht nie ans Ziel. Man muss auch mal die Richtung ändern. Man muss nicht über den Berg gehen, man kann auch drumherum gehen. Das fällt Deutschen schwer. Aber auch das Essen in der Ukraine ist sehr lecker. Fast jeder hat einen Garten für Obst und Gemüse, nicht nur Rasen wie die Deutschen. Selbst bei Luftalarm kümmert sich meine Mutter um ihre Kartoffeln im Garten, statt Schutz zu suchen. Das machen alle so, man muss sich auf Herbst und Winter vorbereiten, Tomaten, Gurken, Zucchini, Zwiebeln, Äpfel und Kürbisse ernten. Nur wenige gehen in ein Geschäft, um diese Sachen zu kaufen.“

Den Kulturschock gab es dann in Deutschland: „Mein Mann und ich, wir waren zum Einkaufen nach Konz gefahren. Und ich habe zwei Zehn-Kilo-Säcke auf den Einkaufswagen gelegt. An der Kasse schaut mein Mann mich mit großen Augen an und fragt: ‚Was ist das?‘ Ich: ‚Kartoffeln!‘ Er: ‚Warum?‘ Ich: ‚Weil der Winter kommt.‘ Er nimmt die Säcke, bringt sie zurück ins Regal und kommt mit einem Kilo Kartoffeln zurück: ‚Nächste Woche kaufen wir dann wieder Kartoffeln.‘“